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Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Haruki Murakamis neuestes Buch „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ zählt für mich zu seinen besten. Es geht um den 36-jährigen Tsukuru Tazaki, der ein ruhiges, einsames Leben in Tokyo führt. Von seiner neuen Liebschaft Sara dazu angehalten, erinnert er sich an das traumatische Erlebnis vor 16 Jahren, als er aus seiner Clique von Freunden verstoßen wurde, ohne jemals den Grund dafür zu erfahren. Zu Schulzeiten waren sie ein harmonisches Fünfer-Gespann, bestehend aus zwei Mädchen und drei Jungen, die unzertrennlich alles zusammen unternahmen. Dass sie von einem Tag auf den anderen nichts mehr von ihm wissen wollten, stürzte ihn für ein halbes Jahr in Todessehnsucht und in ein einsames Leben ohne Leidenschaften und tiefgehende Beziehungen. Erst Sara drängt ihn dazu, dieser alten Geschichte auf den Grund zu gehen, um endlich damit abzuschließen.

Japanische Namen haben oft eine doppelte Bedeutung. Die vier Freunde von Tsukuru tragen alle eine Farbe in ihrem Namen. So sind sie Herr Rot, Herr Blau, Fräulein Weiß und Fräulein Schwarz. Nur der Name Tsukuru Tazaki beinhaltet keine Farbe. Während seine Freunde alle durch besondere Talente oder Eigenschaften glänzen, fühlt sich Tsukuru neben ihnen farblos, leer und ohne besondere Persönlichkeit. Die einzige Leidenschaft in seinem Leben gilt Bahnhöfen, weshalb er die Heimatstadt verlässt um in Tokyo Bahnhofs-Architektur zu studieren.

Die Buchgestaltung macht eine Anschaffung der Hardcover-Ausgabe lohnenswert.

Die Buchgestaltung macht eine Anschaffung der Hardcover-Ausgabe lohnenswert.

Rückblickend merkt er, dass dies das einzige Mal in seinem Leben war, dass er ein Ziel hatte. Und er merkt auch, dass er mit dem Verlust seiner Freunde auch seine Heimat verloren hat. Anders als die Züge in den Bahnhöfen, die er so liebt, führt er ein Leben ohne Ziel oder Ort, zu dem er zurückkehren kann. Vielleicht liegt es daran, dass er so eine sentimentale Zuneigung zu Franz Liszts Stück „Le Mal du Pays“ (Heimweh) aus den „Années de pèlerinage“ (Pilgerjahre) empfindet. Diese Musik führt wie ein roter Faden durch das Buch und das Leben von Tsukuru Tazaki, der sich schließlich selbst auf eine Art Pilgerreise begibt, um seine Freunde zu suchen und sie direkt zu fragen, warum sie damals so plötzlich mit ihm brachen. Und wie das mit Pilgerreisen so ist, findet er dabei mehr über sich selbst heraus und lernt sich selbst mehr wert zu schätzen.

Der Text wurde gesetzt aus der Elzevir und der Antique Olive.

Der Text wurde gesetzt aus der Elzevir und der Antique Olive.

Das Buch ist wunderbar zu lesen, voller Metaphern, über die man noch lange nachdenken kann (die Farben, die bedeutungsvollen Namen, Gefäße mit persönlicher Prägung, Bahnhöfe und Musik). Außerdem liebe ich Haruki Murakamis Bücher aufgrund seiner poetischen und doch klaren Sätze, der melancholischen und doch hoffnungsvollen Stimmung und wegen der tiefen Einblicke in seine Charaktere. Es gibt Momente, da fühle ich mich ebenfalls farblos, medioker und leer. In solchen Momenten tut es gut, ein Buch von Haruki Murakami (oder auch Banana Yoshimoto) zur Hand zu nehmen und zu wissen, dass das kein Grund zur Panik ist – das kommt überall auf der Welt vor und gehört zum Leben.

 

Originaltitel: Shikisai wo motanai Tazaki Tsukuru to, kare no junrei no toshi
Hardcover, 318 Seiten, 22,99 € (D)
ISBN 978-3-8321-9748-3
DuMont Buchverlag, Köln, 2014

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