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Das böse Mädchen

Bisher konnte mich trotz mehrerer Versuche kein Buch des Literatur-Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa so lange fesseln, dass ich über die ersten paar Kapitel hinaus gekommen bin. Daher war ich überrascht, dass ich sein Buch „Das böse Mädchen“ geradezu verschlingen musste und es jetzt sogar zu den besten Liebesgeschichten überhaupt zähle. Es ist eine unkonventionelle Liebesgeschichte, die sich trotz aller Tragik seltsam leicht anfühlt und sprachlich schön erzählt wird.

Der Peruaner Ricardo lernt als Teenager in den 50er Jahren ein Mädchen kennen und erlebt mit ihr die erste Liebe – bis ihr Geheimnis ans Licht kommt, nämlich dass sie eine Hochstaplerin ist, die über diese Schmach ebenso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie sie aufgetaucht ist. Ricardo trauert ihr zwar nach, aber verwirklicht als junger Mann dennoch seinen Traum: in Paris zu leben. Dort trifft er das Mädchen überraschend wieder, diesmal mit einem anderen Namen und dem Vorhaben, sich zur Guerillera in Cuba ausbilden zu lassen. Bevor sie wieder aus seinem Leben verschwindet, lebt ihre Liebesbeziehung wieder auf. Erst Jahre später – Ricardo arbeitet inzwischen als Übersetzer für die Unesco – trifft er sie plötzlich wieder, doch wieder trägt sie einen neuen Namen …

Das böse Mädchen Seite 1

Jedes Kapitel des Romans ist einer neuen Phase dieser Liebesbeziehung gewidmet, in der Ricardos Liebe eine neue Identität hat, weshalb er sie meistens einfach nur „das böse Mädchen“ nennt und sie ihn scherzhaft „der gute Junge“. Schauplätze dieser unruhigen Liebesaffäre sind außer Lima und Paris auch noch London, Tokio und Madrid. Während die Protagonisten jedesmal älter werden, spüren wir auch dem Zeitgeist der jeweiligen Epoche nach. Doch obwohl wir mit Ricardo bei den Hippies in London verweilen oder in den Liebeshotels von Tokio, erfahren wir durch die Briefe seines Onkels immer auch ein wenig über die politischen und sozialen Umbrüche in Peru. Somit vermittelt dieses Buch gleichermaßen ein sehr europäisches wie auch lateinamerikanisches Flair, ergänzt mit exotischen Anklängen an Japan und Russland.

Hauptthema des Romans ist natürlich die Liebesgeschichte zweier Menschen, die das Schicksal trotz unterschiedlichster Lebensziele immer wieder zusammenführt: während Ricardo mit einem ruhigen einfachen Leben an der Seite seines geliebten bösen Mädchens vollkommen zufrieden wäre, sehnt sie sich nach der vermeintlichen Sicherheit von Geld und Prestige. Ein weiteres Thema ist das Entwurzelt-sein und seinen Platz in der Welt finden: während das böse Mädchen immer rastlos von einem Mann zum anderen und einem Land ins andere flüchtet, hat der gute Junge in seiner Wunsch-Heimat Paris den Anker ausgeworfen, der ihn immer wieder dorthin zurück zieht, auch wenn er beruflich oder um seiner Leidenschaft zu folgen ins Ausland reist. Trotzdem fühlt er sich auch als älterer Mann und mit langjähriger französischer Staatsangehörigkeit nicht als Franzose, aber auch nicht mehr als Peruaner. Ein Stück Geborgenheit und Heimat-Ersatz finden beide nur in den Armen des jeweils anderen.

Originaltitel: Travesuras de la niña mala
Taschenbuch, 396 Seiten, 9,99 € (D)
ISBN 978-3-518-45932-4
Suhrkamp Verlag 2007

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