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Der Affe in uns

Der Mensch betrachtet sich selbst gern als die Krönung der Schöpfung, oder eher gesagt, die finale Version einer langen Entwicklung unvollkommener Prototypen. In Wirklichkeit sind wir jedoch Teil der Gattung „Menschenaffe“, zu der auch Orang-Utans, Gorillas, Bonobos und Schimpansen gehören. Mit den letzten beiden Gruppen sind wir besonders eng verwandt. Bonobos und Schimpansen sind das besondere Forschungsgebiet des Primatologen Frans de Waal. In seinem Buch „Der Affe in uns. Warum wir sind, wie wir sind“ stellt er jedoch den Menschen in den Mittelpunkt seiner Forschung, vergleicht die Verhaltensweisen von Bonobos, Schimpansen und Menschen und zieht daraus Schlüsse über unsere Verhaltensmuster, Intentionen und Emotionen.

Das Buch ist gegliedert in Kapitel zu Macht, Sex, Gewalt und Sanftmut. Zuvor stellt er jedoch erstmal die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Menschenaffen richtig und erklärt, welche besonderen Eigenschaften die drei oben genannten Arten unterscheiden und warum er es für richtig hält, sie zu vergleichen. Demnach steht der Mensch in seinen Verhaltensweisen zwischen den als aggressiv und machthungrig geltenden Schimpansen einerseits, und den friedliebenden, empathischen Bonobos auf der anderen Seite. Wir vereinen diese Eigenschaften mit einer grausamen und einer mitfühlenden Seite in uns. Frans de Waal beklagt das Schwarz-Weiß-Denken, mit dem die Verhaltensforschung der letzten Jahrzehnte diesen Sachverhalt betrachtet: den Menschen entweder als mitfühlendes Wesen über der Natur stehend zu sehen, oder als grundtief grausames Wesen und Opfer seiner primitiven Wurzeln. Immer wieder macht er mit anschaulichen Beispielen deutlich, dass wir uns als bipolare Wesen akzeptieren müssen, genauso wie es auch unter Schimpansen Mitgefühl gibt und unter Bonobos Aggressionen.

Das Buch ist sehr leicht und unterhaltsam zu lesen. Ich finde es herrlich, wie er mit seiner geschulten Beobachtungsgabe die Menschen analysiert und sie damit auf eine Ebene mit seinen Forschungsobjekten im Zoo stellt. Und auch, wie menschlich die Verhaltensweisen der Schimpansen und Bonobos wirken, die er für uns entschlüsselt, wie vertraut sie beim Lesen werden, wenn man ihre Geschichte von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter erfährt, ihre Namen, Beziehungen und Probleme bei dem Versuch, einen Platz in ihrer Gesellschaft zu finden. Man erfährt dabei sehr viel über sich selbst und vielleicht versteht man auch die Menschen in seiner Umgebung besser, am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis. Frans de Waal macht verständlich wie es sein kann, dass Menschen einerseits zu tiefer Liebe und selbstloser Aufopferung – auch für Fremde – fähig sind, und andererseits zu Gräueltaten wie Kriegen, sinnloser Gewalt und Massenvernichtung.

 

Originaltitel: „Our Inner Ape. A Leading Primatologist Explains Why We Are Who We Are“
Taschenbuch, 326 Seiten, 12,90 € (D)
ISBN 978-3-423-34559-0
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009

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