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Das Dilemma mit den Wanderschuhen

Frühlingszeit, Outdoorzeit! Mein allerliebstes Fortbewegungsmittel sind mir meine Füße. Ich laufe im Alltag viel und im Urlaub umso mehr. Mein nächster Urlaub geht nach England. Geplant ist eine Woche Erkundung der Isle of Wight – natürlich in erster Linie zu Fuß. Um trotz stundenlanger Märsche bei permanenter Feuchtigkeit und Regen trockene Füße zu behalten, braucht man gutes Schuhwerk. Doch die Suche nach guten Wanderschuhen brachte mir mal wieder die ernüchternde Erkenntnis, dass man selbst bei einer so nachhaltigen Freizeitaktivität wie dem Wandern nicht um das Dilemma herumkommt: Komfort vs. Öko.

Dass ich mich sowieso wie eine Ökosau verhalte, da ich nach England fliege, hatte ich natürlich total verdrängt und war daher wahnsinnig schockiert, als ich bei der Recherche nach dem perfekten Wanderschuh auf das Ergebnis der Ökotest (9/2012) stieß, das alle zehn getesteten Wanderstiefel namhafter Hersteller aufgrund bedenklicher Inhaltsstoffe extrem abwertete. Trotz größtenteils sehr guter Ergebnisse im Belastungstest erhielten sechs Wanderschuhe nur ein „befriedigend“, vier weitere nur ein „ungenügend“. Schuld sind polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), der Farbstoff Anilin, Chrom, Antimon und Quecksilber. Die genannten Stoffe gelten als krebserregend oder krebsverdächtig und fanden sich in Materialien, die mit der Haut des Schuhträgers in Berührung kommen können, also nicht gerade in der Sohle. Wichtiger Tipp: Wanderschuhe sollte man vorsichtshalber immer mit Wandersocken tragen, die eine Berührung mit dem Material des Schuhs auch am Knöchel vermeiden!

Gerade das so positiv beworbene Gore-Tex, das als atmungsaktive Membran für trockene Füße sorgt, und die Lederbestandteile der Schuhe machen sie aus ökologischer Sicht sehr problematisch. Alle von Ökotest bewerteten Schuhe enthielten Chrom, ein Rückstand aus der Ledergerbung. Das kann nicht nur für den Schuhträger gesundheitsschädlich sein, sondern ist bei der Herstellung eine sehr giftige Angelegenheit für die Umwelt und die Arbeiter, insbesondere wenn sie in Billiglohnländern gefertigt werden, wo die Arbeits- und Umweltschutzgesetze mangelhaft sind oder einfach nicht eingehalten werden. Unter diesem Aspekt schaute ich dann auch mal auf die Herkunftsländer der großen Marken wie Jack Wolfskin, Mammut und Salomon: China, Vietnam, etc. Nein Danke, das war für mich direkt ein Ausschlusskriterium.

Eine oberflächliche Suche nach ökologischen Wanderschuhen ergab leider keine zufriedenstellenden Ergebnisse. Entweder sind solche Schuhe nicht wasserabweisend genug, nicht aus chrom-freiem Leder gegerbt oder aus sonstigen Gründen nicht „öko“ genug.

Letzten Endes gab ich mich geschlagen und nenne jetzt ein Paar „Lowa Renegade GTX Mid“ mein eigen. Da weiß ich wenigstens, woran ich bin. Das Modell ist ein Klassiker unter den Wanderschuhen, wurde von vielen Rezensenten auf verschiedenen Plattformen positiv bewertet (natürlich „nur“ nach ihrer Wanderschuh-Eigenschaften) und wird in der Slowakei hergestellt, was immer noch vertrauenerweckender ist als Asien. Und ja, leider sind sie voll mit Schadstoffen, weshalb einige Paar gute Wandersocken ebenfalls gleich mitgekauft wurden.

lowa_renegade_gtx_mid_01

Jetzt interessiert mich brennend: macht ihr bei Kleidung mit speziellen Anforderungen Kompromisse bezüglich ökologischer Eigenschaften? Ich mache sie ja schon bei „normaler“ Kleidung, auch wenn ich mir hier Besserung gelobe. Aber wenn ich sowieso schon bereit bin, viel Geld für beispielsweise Wanderschuhe auszugeben, dann habe ich eigentlich auch erhöhte Ansprüche an die Qualität, und das schließt für mich eigentlich einen Gifte-Cocktail in den Inhaltsstoffen aus – oder wie seht ihr das?

2 Kommentare

  1. Schade, dass Du so früh aufgegeben hast. Denn es gibt einige Anbieter, auch großer Marken, die durchaus Bio-Wanderschuhe im Sortiment haben. Ein gutes Beispiel dafür ist Hanwag (http://diewanderschuhe.com/bio-wanderschuhe-von-hanwag/).

    Fraglich ist für mich allerdings Dein aufschreiender und alarmierender Hinweis zu Giften in Wanderschuhen mit der Rezension auf Öko-Test, mit der ernüchternden Entscheidung zu den Chemie Bomben von Lowa und zu Wandersocken die bestimmt auch chemisch behandelt sind. Aber das ist nur Spekulation aufgrund meiner Mutmaßung auf „gute Wandersocken“ 😉

    Bleib gesund, Berndt

    P. S. Was zeichnet denn die Vertrauenswürdigkeit der Slowakei zu Asien aus?

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    • Hallo Berndt, das ist ein wirklich interessanter Link, Danke für den Hinweis! Ich habe bei meiner Recherche damals nicht viele Bio-Wanderschuhe gefunden. Ich merke aber, dass die Konsumenten zunehmend kritischer werden und hoffe, dass es bald noch mehr Alternativen geben wird. Was Asien angeht: solange ein Hersteller nichte explizit auf faire Arbeitsbedingungen hinweist, gehe ich vorsichtshalber vom schlimmsten aus. Die Slowakei gehört immerhin zu Europa, da gelten sicherlich bessere Regeln bezüglich Arbeitsbedingungen und außerdem sind die Transportwege nicht so lang (CO2-Bilanz).

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