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Utopie wird Wirklichkeit: Verpackungsfreie Supermärkte

Wer hat es nicht mitbekommen? Über Facebook & Co. stolperte man in den letzten  Tagen immer wieder darüber und auch einige Online Zeitungen griffen das Thema auf: das Berliner Startup „Original Unverpackt“ startete am 08. Mai das Crowdfunding für die Realisierung des ersten verpackungsfreien Supermarkts in Berlin und überschritt innerhalb von nur 48 Stunden das anvisierte Finanzierungsziel. Dabei ist das Konzept nicht neu und wurde bereits in verschiedenen Ländern (auch Deutschland) in kleinem Stil realisiert. Der große Zuspruch für dieses Projekt zeugt aber von einem Umdenken in den Köpfen zunehmend kritischerer Konsumenten, und womöglich – hoffentlich – ist es der Beginn einer Realität mit verpackungsfreien Supermärkten in jeder Stadt.

Das Konzept ist einfach: alle Produkte die man zum Leben braucht, von Nudeln bis zum Shampoo, werden ohne Verpackung angeboten. In Glascontainern und ähnlichen Behältern stehen sie im Laden bereit und werden vom Käufer in selbst mitgebrachte Behälter in der gewünschten Menge abgefüllt. Bezahlt wird dann nach Gewicht, natürlich abzüglich des Behälters. Nicht nur der Verpackungsmüll wird dadurch reduziert, auch die Qual der Wahl erübrigt sich bei vielen Gütern, denn ohne Verpackungsdesign und Herstellerversprechen ist der Unterschied verschiedener Marken für den Käufer in vielen Fällen nicht mehr ersichtlich – Linsen sind eben einfach nur noch Linsen. Zudem sind Käufer nicht mehr gezwungen, bestimmte Mengen zu kaufen und überflüssiges wegzuschmeißen. Lebensmittelverschwendung wird somit vermieden. Damit die Qualität stimmt, treffen die Verkäufer natürlich eine Auswahl an Produkten, die auch in der Herstellung und Anlieferung der Waren möglichst umweltschonend ist. So wird vornehmlich mit regionalen Produzenten zusammen gearbeitet, auch wenn diese nicht zwingend Bio-Standards entsprechen.

Man stelle sich vor: für unsere Großeltern war das noch vollkommen normal, zwei Generationen später kennt das Prinzip niemand mehr aus Erfahrung. Statt dessen ersticken wir in Plastikmüll, Kartons, Lebensmittelabfällen und richten unsere Welt bei der Herstellung, dem Transport und der Entsorgung  unnötiger Güter und Verpackungen zugrunde. Der kleine Hofladen oder der örtliche Wochenmarkt bieten zwar teilweise verpackungsfreie Waren, aber nicht in dem Umfang, den sich die neuen verpackungsfreien Supermärkte für ihr Sortiment vornehmen.

Bereits realisierte, weitestgehend verpackungsfreie Supermärkte:

  • Unpackaged: 2007 in London (England) eröffnet und anfangs erfolgreich, musste es im Januar 2014 wieder schließen, weil sich die Gründerin mit einer nachträglich integrierten Bar und einem Restaurant übernommen hatte. Eindrücke davon findet man aber noch auf dem Blog beechange.com.
  • In.gredients: 2011 in Austin, Texas (USA) eröffnet und bis heute erfolgreich. Einen interessanten Einblick, auch hinter die Kulissen, bekommt man auf dem Blog MyPlasticFreeLife.com (in englischer Sprache).
  • Lunzners Maß-Greißlerei: Im Januar 2014 in Wien (Österreich) eröffnet. Einblicke gibt es auf dem Blog kitchentablenote.com.
  • Unverpackt: Im Februar 2014 in Kiel (Deutschland) eröffnet.
  • Freikost Deinet: Am 24. Mai 2014 öffnet dieser verpackungsfreie Bioladen in Bonn seine Türen.
  • Unverpackt Mainz: Seit Juni 2015 auch in der Mainzer Neustadt.

Seit Ende Sommer 2014 gibt es jetzt auch einen plastikfreien Onlineshop mit vielen praktischen und schönen Dingen ganz ohne Plastik: plasno.de.

Ich finde das Konzept ganz wunderbar und hoffe inständig, dass diesem Projekt und den anderen Vorreitern Erfolg beschieden ist, damit verpackungsfreie Supermärkte hoffentlich bald (wieder) die Normalität werden. Da ich aber ja bekanntlich auch gerne mal der Kauflust fröne, gerade rund um Kosmetik und die schönen – nicht immer notwendigen – Dinge, muss ich zugeben, dass mein Herz einen Moment aussetzte bei dem Gedanken: nur noch ein Shampoo im Sortiment? Aber nein, ich glaube nicht, dass die Angebotsvielfalt an den genussvollen Dingen, seien es Lebensmittel wie Käse, Weine, Reissorten, oder eben Kosmetik, durch dieses neuartige Verkaufskonzept in Gefahr ist. Individuelle Bedürfnisse und Wünsche werden immer genügend Nachfrage erzeugen um unsere Lieblingsmarken, aber eben auch den lokalen Seifensieder, Parfumeur und die kleine Kosmetik-Manufaktur zu motivieren, uns mit neuen begehrenswerten Kreationen zu beglücken.

4 Kommentare

  1. Ich bin in Kasachstan geboren, für mich war es auch völlig normal, Dinge abgewogen zu bekommen im Laden. Dieser Überfluss, die Markem, zig verschiedene Arten gleicher Sachen, das war für eine Elfjährige damals überwältigend. Aber man gewöhnt sich so schnell daran!

    finde so ein Konzept genial und hoffe, dass es sich immer mehr durchsetzen wird.
    beautyjungle schrieb zuletzt: Einfacher pflegen geht kaum: Bee Yummy eyes&lips [Review]My Profile

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    • Stimmt ja, in vielen Teilen der Welt ist unsere Konsumwelt gar nicht selbstverständlich und sicherlich begehrenswert, während hier wieder der Wunsch nach Minimalismus laut wird. Verrückte Welt! 😉

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  2. … eigenartig, ja, aber ich denke, das geht Hand in Hand – das Überangebot, aber zugleich auch das Bedürfnis nach Überschaubarkeit, Handarbeit, Nachhaltigkeit. Auch so ein Projekt wie dieser Supermarkt ist ja letztendlich eine Reaktion auf Konsumverhalten und -wünsche.
    Auf jeden Fall eine sehr spannende Sache, die ich mir, wenn ich mal vor Ort bin, auf jeden Fall anschauen werde. Noch kann ich mir nicht viel drunter vorstellen. Shampoo offen? Außerdem ist mir auch schon aufgefallen, dass ich keine Gewichtsangaben „kann“ – brauche ich 100gr Reis? 150gr? Oder doch 500gr Nudeln? Kommt eben in fertigen Packungen. Auch verrückt!

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    • Ich tue mich auch schwer mit Gewichtsangaben und würde wahrscheinlich erst mal nach Augenmaß einkaufen. Da müssen wir wohl alle erst wieder ein Gefühl für entwickeln. 🙂
      Das mit den offenen Behältern habe ich mir auch zuerst unhygienisch vorgestellt, aber was man so auf Bildern sieht, scheint es doch eine saubere Sache zu sein. Ich schätze mal, man zapft sich das Shampoo dann auch von unten ab, so wie bei einem Fass.

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