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Der See

Banana Yoshimoto zählt zu meinen Lieblingsautorinnen. Daher ärgert es mich, dass der Diogenes Verlag für die Umschlaggestaltung wirklich jedes ihrer Bücher immer so unpassende Bilder aussucht. So auch wieder bei ihrem jüngsten in Deutschland erschienen Roman „Der See“, in dem es natürlich nicht um Badenixen geht.

Wie so oft in Banana Yoshimotos Erzählungen, blicken wir durch die Augen einer jungen Frau, Chihiro, die alleine in der Großstadt Tokyo lebt und noch nicht so recht zu sich selbst gefunden hat. Und wie so oft, klingt von Anfang an ein leiser melancholischer Unterton mit: das Buch beginnt mit ihrer Erinnerung an die verstorbene Mutter. Ein erleuchtetes Zimmerfenster schräg gegenüber spendet Chihiro in ihrer Einsamkeit Trost. Von dort schaut auch immer ein junger Mann freundlich zu ihrem Fenster hinüber, womit eine zarte Beziehung ihren Anfang nimmt. Auch wenn die räumliche Distanz bald darauf überwunden wird und der junge Mann, Nakajima, jede Nacht bei Chihiro verbringt, behält ihre Beziehung doch etwas distanziertes, denn Nakajima redet nicht viel über seine Vergangenheit, über der eine dunkle Wolke schwebt.

Die Geschichte wird mystisch, als Nakajima mit Chihiro zu dem See reist, an dem er einstmals mit seiner Mutter lebte. Dort besuchen sie seine Freunde Mino und dessen bettlägerige Schwester Chii, die auf eigenartige Weise hellsehen kann. Während Chihiro in den folgenden Wochen an einem Wandgemälde arbeitet, verliebt sie sich immer mehr in Nakajima und beschließt, seiner Vergangenheit auf den Grund zu gehen. Alleine bricht sie nochmal zum See und seinen hellsichtigen Anwohnern auf.

Der See / Banana Yoshimoto

Die zerbrechliche Liebesgeschichte um Chihiro und Nakajima, denen es so schwer fällt eine normale Beziehung zu führen, ist auch eine Geschichte vom Erwachsen werden. Für beide waren ihre Mütter sehr prägend; beide machen die ähnliche Erfahrung, die Mutter schon früh zu verlieren. Mit ihrem Tod fühlen sie sich verloren, entwurzelt und distanziert von der Welt. Gegenseitig geben sie sich Halt und Sicherheit. Im Wesentlichen geht es in „der See“ um zwei verletzliche Menschen, die sich in einer schwierigen Situation aneinanderklammern und gegenseitig helfen, sich von den Lasten der Vergangenheit zu befreien und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken.

„Die Landschaft war sehr schön, mit einem See in der Nähe unserer Hütte. Ein besonderer Ort – melancholisch und bezaubernd.“ Nakajima

Der See – ruhig, still und spiegelglatt – symbolisiert das Innenleben von Nakajima, über dem Nebel unangenehme Erinnerungen verschleiern. Das Geschwisterpaar Mino und Chii sehen nicht nur kindlich aus, Chii spricht auch geradeheraus wie ein Kind Wahrheiten aus. In der Nähe ihrer Hütte befindet sich ein Torii (rotes Tor) im See. Damit sind sie die Torhüter zu Nakajimas Innenleben, und helfen Chihiro dabei, den Nebel um seine Person zu lichten.

Wieder einmal verwebt Banana Yoshimoto in einer Erzählung die reale mit der Geisterwelt. Mit der Beschreibung der Außenwelt malt sie auch ein Bild der Innenwelten ihrer Protagonisten. Die Stimmung ist dabei niemals bedrückend oder negativ. Sie schafft es auf wunderbare Weise, in einfachen klaren Sätzen Melancholie und Hoffnung zu vereinen.

Banana Yoshimoto - Der See / Seite 1

Originaltitel: Mizuumi
Hardcover, 221 Seiten, 19,90 € (D)
ISBN 978-3-257-06897-9
Diogenes Verlag AG Zürich 2014

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