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Die Wahrheit über Kosmetik

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Bei der Beschäftigung mit kosmetischen Inhaltsstoffen stößt man früher oder später auf die Website kosmetik-check.de. Über eine INCI-Suche kann man dort schnell herausfinden, was hinter so sperrigen Wörtern wie „Methylchloroisothiazolinone“ steckt (ein chemisches Konservierungsmittel) und wie es um die Risiken für Gesundheit und Umwelt steht (in diesem Fall: ganz schlecht). Quasi das Buch zur Website (oder umgekehrt) ist „Die Wahrheit über Kosmetik“ von Rita Stiens. Obwohl ein Sachbuch, habe ich dieses Buch geradezu verschlungen. Rita Stiens räumt mit Mythen der Kosmetikindustrie auf und weist auf irreführende Produktversprechen hin. Ein Buch zum Durchlesen wie zum Nachschlagen.

Rita Stiens ist Journalistin und beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Kosmetik. Mir scheint, sie hat dieses Buch schon vor vielen Jahren geschrieben und mehrfach überarbeitet unter diversen Titeln und in verschiedenen Verlagen veröffentlicht („Kursbuch Kosmetik“, „Schön um jeden Preis?“). „Die Wahrheit über Kosmetik“ ist 2013 in ihrem eigenen Verlag RS-Media UG erschienen. Es ist sehr erfreulich, dass sie es ständig aktualisiert und die dazugehörige Website pflegt, da die Kosmetikindustrie natürlich auch immer neue Rezepturen und Inhaltsstoffe auf den Markt bringt. Da sie ihr Wissen anhand von konkreten Produkten bekannter Marken erklärt, ist es auf jeden Fall von Vorteil, eine möglichst aktuelle Ausgabe des Buches zu lesen.

Das Buch ist mit 12 Kapiteln und vielen Unterbereichen sehr klar gegliedert. Das Inhaltsverzeichnis und ein Stichwortverzeichnis ermöglichen das schnelle Nachschlagen zu bestimmten Themen. Wer sich allerdings ganz allgemein für eine kritische Betrachtung der Kosmetikindustrie und für Wirkung und Risiken von Inhaltsstoffen interessiert, kann das Buch auch gut von vorne nach hinten durchlesen. Kurze Abschnitte und prägnante Formulierungen erleichtern das Aufnehmen der vielen Informationen.

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Im ersten Kapiteln schreibt Rita Stiens über das 2009 verabschiedete und 2013 in Kraft getretene neue EU-Kosmetikrecht und macht deutlich, dass Konsumenten nach wie vor nicht durch Gesetze und Verordnungen vor irreführenden Wirkversprechen der Kosmetikindustrie geschützt werden. Mit der verpflichtenden INCI-Deklaration haben wir jedoch eine Möglichkeit, uns eigenverantwortlich über die Inhaltsstoffe zu informieren und mit ein bisschen Hintergrundwissen Wirkungsvermögen und Risiken des Produkts abzuwägen.

Im zweiten Kapitel teilt sie die Kosmetik in drei Bereiche nach dem Ampelsystem ein: Rot für konventionelle Kosmetik mit überwiegend chemischen Rohstoffen geprägt ist, Gelb für konventionelle Kosmetik, die sich mit einzelnen natürlichen Rohstoffen im Bereich der naturnahen Kosmetik positionieren will, und Grün für zertifizierte Naturkosmetik. Hier beginnt sie auch schon mit der detaillierten Analysen der Inhaltsstoffe von Verkaufsschlagern der Marken L’Oreal, Bioderma, Nivea, und vieler mehr, um zu erklären, warum manche, auch für Sensibelchen als geeignet angepriesene Creme zur Kategorie Rot zählt. Begriffe wie „hypoallergen“ enttarnt sie als irreführende Wirkversprechen, und erklärt, warum Apothekenkosmetik nicht unbedingt der Gesundheit förderlich ist. Sie weist dabei nicht nur auf für die Gesundheit schädliche oder potentiell schädliche Stoffe hin, sondern auch auf Umweltbelastungen bei der Herstellung des Produkts sowie nach dem Abschminken, wenn das Zeug im Abwasser landet. Zur gelben Kategorie gehören Produkte von Marken wie The Body Shop, Yves Rocher, Korres und Lush, die sich um ein grünes Image bemühen, aber die Analyse der Inhaltsstoffe macht deutlich, dass sie teilweise weit davon entfernt sind. Gerechterweise führt sie zum Schluss noch die Kategorie Hellgrün ein, für Kosmetik mit guten, nicht schädlichen Inhaltsstoffen hat, die jedoch nicht alle ein Naturkosmetik-Label tragen. Dazu zählen Produkte von Marken wie Annemarie Börlind, Dr. Alkaitis und Cosmaderm.

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Ein ganzes Kapitel hat sie der Kategorie Grün gewidmet. Sie geht hier auf Werte von Naturkosmetikherstellern ein und der schwierigen Suche nach Rezepturen für anwenderfreundliche und wettbewerbstaugliche Kosmetik, wo Kompromisse geschlossen wurden und inwiefern sich daraus die unübersichtliche Zahl unterschiedlicher Zertifizierungsstandards ergaben. Diese erklärt sie genauer und zieht auch wieder die Analyse von Inhaltsstoffen verschieden zertifizierter Naturkosmetik heran. Das macht die Sachverhalte sehr viel verständlicher und greifbarer. Auch, dass Naturkosmetik nicht gleich „Bio“ und „Fair“ sein muss, macht sie dem Leser bewusst.

Ab Kapitel Vier geht sie direkt auf kosmetische „Problemlösungen“ ein: den Aufbau von Cremes, Lotionen, Seren, spezielle Anforderungen von Gesichts- und Körperpflege, Anti Aging, Make-up, Haarfärbemittel und Sonnenschutz. Nebenbei erklärt sie kurz den Aufbau der Haut und inwieweit Kosmetik darauf einwirken kann. Man lernt anhand von vielen Inhaltsstoff-Analysen konkreter Produkte Sinn und Unsinn bestimmter Wirkstoffe kennen, und bekommt dabei ein Gefühl für wertvolle und weniger wertvolle Inhaltsstoffe. Einem besonderen Problem der Kosmetik ist ein ganzes Kapitel gewidmet: der Konservierung. Und auch immer mal wieder medienpräsente Risikothemen (vor denen auch Naturkosmetik nicht immer gefeit ist) widmet sie ein Kapitel, in dem es u.a. um Allergien, Hormone, Aluminium, Nanopartikel und Kunststoff geht.

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Die verschiedenen Labels und Logos, die man auf Naturkosmetik-Verpackungen findet, listet sie in einem Kapitel nochmal übersichtlich auf, so dass man schnell weiß, wo man weitere Informationen dazu finden kann. Abschließend macht das Lexikon der Inhaltsstoffe einen wichtigen Teil des Buches aus. Die einzelnen Inhaltsstoffe bewertet sie nach sechs möglichen Noten, die sie mit Smilies markiert, so dass man auf einen Blick feststellen kann, ob der Stoff „gut“ oder „böse“ ist.

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Inwiefern ihre Beurteilung der Inhaltsstoffe wirklich objektiv und zuverlässig ist, kann ich leider nicht sagen. Aber ich vertraue ihrem Wissen und ihrem Urteil. Bei vielen Themen ihres Buches, von der Beschreibung irreführender Marketingstrategien der Kosmetikindustrie bis zur Identifizierung von hautwirksamen Inhaltsstoffen gegenüber solchen, die eher werbewirksam sind, hatte ich immer den Eindruck, dass sie sachlich bleibt und ihre Argumente auf einer fundierten Recherche aufbaut. Nur einmal hatte ich das Gefühl, dass sie Murks erzählt: beim Thema Fluoride in Zahnpasta setzt sie plötzlich Fluorid mit Fluor gleich, was definitiv falsch ist.

Alles in allem kann ich die Lektüre des Buches jedoch empfehlen. Die einzelnen Themen werden natürlich nur recht oberflächlich betrachtet, was das Lesen erleichtert aber auch an manchen Stellen unbefriedigend wirkt. Gerade im Lexikon finde ich eine Erklärung wie „Wirkstoff pflanzlich“ zu knapp. Wer genauer wissen will, welche Wirkung genau und welche Pflanze genau dahintersteckt, kommt um weitere Recherchen nicht herum. Ein Buch, das neugierig macht und zum Weiterforschen anregt, ist aber ein gutes Buch!

„Die Wahrheit über Kosmetik“, Rita Stiens
Broschiert, 332 Seiten, 17,95 € (D)

ISBN 978-3-9816184-0-2
RS-Media UG, 2013

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