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Latinoamericana

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Wie junge Welpen, neugierig und unternehmungslustig, mit einer bewundernswerten Leichtsinnigkeit, stürzen sich die beiden Freunde Ernesto Guevara und Alberto Granado in ein Abenteuer: mit einem klapprigen Motorrad, das sie mehrmals täglich bockend abwirft, begeben sie sich auf einen Road Trip von Buenos Aires quer durch den südamerikanischen Kontinent an die Westküste, Richtung Norden durch Chile, Perú und Kolumbien bis nach Venezuela. Von Dezember 1951 bis Juli 1952 sind sie unterwegs und lassen im Freiheitsrausch ihr gutbürgerliches Leben mit Studium, Familie und Freundin zurück.

„Die Person, die diese Notizen schrieb, starb, als sie ihren Fuß wieder auf argentinischen Boden setzte, und der sie ordnet und an ihnen feilt,ich, bin nicht ich; zumindest bin ich nicht mehr dasselbe innere Ich. Dieses ziellose Streifen durch unser riesiges Amerika hat mich stärker verändert als ich glaubte.“ Ernesto „Che“ Guevara

Auf ihrer langen Reise erfahren sie Hunger, Kälte und zahlreiche weitere Unannehmlichkeiten, verlieren schon bald ihr klappriges Motorrad, aber nie den Humor. Mit nur wenig Geld in der Tasche setzen sie ihre Reise per Anhalter fort, schnorren sich mit jugendlichem Charme und Dreistigkeit durch und lernen dabei die erstaunliche Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der südamerikanischen Bevölkerung kennen.

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Haben sie ein Ziel? Vordergründig suchen sie den Kontakt zu Lepra-Forschern, um ihr Wissen auf dem gemeinsamen Fachgebiet als angehender Arzt (Ernesto) und Biochemiker (Alberto) zu vertiefen. Jedoch scheinen sie auch den Spruch zu kennen: „Der Weg ist das Ziel“, und so nehmen sie auf ihrer Reise jede Gelegenheit wahr, Land und Leute, Natur und Kultur, und sicherlich auch die ein oder andere Frau, näher kennen zu lernen. Die Reise wird somit einerseits zum Selbsterfahrungstrip unter extremen Bedingungen, andererseits auch zum Augenöffner für die gesellschaftlichen und sozialen Probleme ihres Kontinents, das ein tiefer Graben zwischen armer und reicher, bürgerlicher und ungebildeter, weißer und indianischer Bevölkerung spaltet. Dabei beschreibt Ernesto seine Beobachtungen anfangs noch recht neutral, doch auf dieser Reise wird der Funke für seine Zukunft als Revolutionär geschlagen. Kurz vor Ende der Reise gibt es einen prophetisch anmutenden Einschub, der seinen aufkeimenden Idealismus erahnen lässt.

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Die Lektüre ist insgesamt unterhaltsam und kurzweilig. Die atemberaubenden Landschaften Südamerikas werden bildhaft beschrieben und die Erlebnisse ergeben eine Reihe von lustigen und spannenden Episoden, die gelegentlich auch nachdenklich stimmen. Der junge Ernesto Guevara erzählt mit viel Leichtigkeit und Selbstironie. Diese Sammlung an Erinnerungen ergibt ein lebendiges Bild Lateinamerikas zu Beginn der 50er Jahre, dessen soziale Probleme bis heute spürbar sind, aber auch ein beeindruckend sympathisches Bild eines jungen Mannes, der heute einerseits als Held und Befreier bekannt ist und damit zu einer finster dreinblickenden Pop-Ikone avancierte, andererseits als verbissen kämpfender Kommandant einer Rebellenarmee, der für seine Überzeugungen gnadenlos über Leichen ging, zuletzt über seine eigene.

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Originaltitel: Notas de Viaje
Ernesto Che Guevara

Taschenbuch, 176 Seiten, antiquarische Ausgabe
ISBN 3-462-02383-7
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1994

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