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Drei Öko-Romane: Das Meer, Das Eis und Die Bienen

Die einen streiten noch, ob der Klimawandel wirklich kommt oder alles nur Propaganda und Schwarzseherei ist, um der globalisierten Konsumgesellschaft den Spaß zu verderben, die anderen stecken schon mittendrin. Schockierende Bilder von verhungernden Eisbären, fast leer gefischte Meere und Blütenbestäubung von Hand – das ist Realität. Die Auswirkungen der Ausbeutung unserer Erde werden auch immer mehr von Romanautoren aufgegriffen. In letzter Zeit habe ich drei „Öko-Romane“ gelesen und gehört, die ich hier gerne vorstellen möchte.

„Das Meer“ von Wolfram Fleischhauer*

Ich beginne mit einem Hörbuch, das mich wirklich sehr beeindruckt hat, weil hier (behaupte ich mal) wenig bekannte Fakten zum Thema Überfischung und Raubfischerei geschickt in einer spannenden Handlung verpackt werden, die mich noch nachhaltig über das Thema nachdenken ließen.

Da ist die junge Biologin und Fischereibeobachterin Teresa, die bei einem Einsatz von einem Fangschiff spurlos verschwindet, während ihr Ausbilder und Freund John Render um sie bangt, der in Brüssel für die GD Mare (Generaldirektion der Europäischen Kommission für maritime Angelegenheiten und Fischerei) auf politischer Ebene für eine nachhaltige Fischereiwirtschaft arbeitet. Da ist Alessandro di Melo, der sich als ehrgeiziger Geschäftsmann mit skrupellosen Partnern in der Fischereimaffia eingelassen hat, die nun zur Bedrohung seiner als Umwelt-Aktivistin engagierten Tochter Ragna werden. Da sie vor langer Zeit den Kontakt zu ihm abgebrochen hat, sucht er jetzt verzweifelt mit Hilfe einer alten Jugendliebe von Ragna, dem Dolmetscher Adrian, nach ihr um sie zu warnen und zu beschützen. Ragna wiederum ist eine Freundin von Teresa und die Anführerin einer Gruppe von Öko-Terroristen, die mit nicht weniger skrupellosen Methoden die Weltöffentlichkeit aufrütteln und davon abhalten will, als Konsumenten weiterhin die Überfischung und Zerstörung des maritimen Ökosystems zu unterstützen.

Wolfram Fleischhauer öffnet mit seinem Buch „Das Meer“ die Augen für ein ziemlich dramatisches Thema, das viel zu wenig in den Medien präsent ist. Mir war nicht bewusst, dass es eine regelrechte Fischereimaffia gibt, die aus Profitgier sämtliche Moral über Bord schmeißt und nicht nur für einige Fischarten das Aussterben bedeutet, sondern auch mit der Entführung und Versklavung von Menschen, die als Zwangsarbeiter auf den Fangschiffen festgehalten werden und nicht selten als Fischfutter enden, aufzeigt, wie brutal der Mensch gegen den Menschen sein kann, wenn es zu seinem eigenen Vorteil ist. Gar nicht so abwegig also, dass offiziell tätige Fischereibeobachter diesen Leuten ein Dorn im Auge sind und sich mit ihrer Arbeit in Gefahr begeben. Verständlich auch die Motive der Umwelt-Aktivisten, die keine Hoffnung in die langsam mühlenden Zentren der Politik haben, da die Zeit zum Stoppen des „Ökozids“ gnadenlos verrinnt, die nötig wäre, damit das Ökosystem sich von dem Raubbau noch erholen kann. Auch wenn es sich bei ihren Methoden um Terrorismus handelt – mir fällt auch keine wirksamere Methode ein, mit der man den Endkonsumenten besser für dieses Thema sensibilisieren könnte. Traurig, aber wahr: erst wenn der einzelne Mensch sein eigenes Wohl in Gefahr sieht, handelt er, verzichtet z.B. auf Fisch, wenn eine Vergiftung drohen könnte – und die Nachfrage bestimmt nun mal das Angebot.

Was Fleischhauer hier gut gelingt, ist es, uns abstrakte Sachverhalte wie Zahlen und Fakten, sowie Lebewesen, zu denen wir keinen emotionalen Bezug haben (sowohl Meerestiere als auch Menschen), plötzlich nahe zu bringen – und vor allem auch unsere Verantwortung und unsere Macht als Konsumenten!

Die verschiedenen Handlungsstränge werden flüssig und spannend erzählt, es gibt keine Längen und somit kommen Thriller-Fans ganz auf ihre Kosten. Zudem gewinnt die ungekürzte Hörbuchfassung durch die spannungsvolle Lesung von Johannes Steck. Auf 2 MP3-CDs wird man ca. 13 Stunden lang kurzweilig und anspruchsvoll unterhalten.

„Das Meer“ von Wolfram Fleischhauer
ungekürzte Fassung, gelesen von Johannes Steck
2 MP3-CDs, ca. 13 Stunden
Argon Verlag, 2018

„Das Eis“ von Laline Paull*

In sehr naher Zukunft: der Nordpol ist eisfrei und schiffbar, Eisbären sind fast ausgestorben und in London toben Sandwehen aus der Sahara – die Erderwärmung lässt sich nicht mehr leugnen. Ein kalbender Gletscher in der Arktis gibt den Leichnam des Umweltaktivsten Tom frei, der vor vier Jahren dort verunglückte. Nun sollen seine Todesumstände gerichtlich festgestellt werden, wofür die damals beteiligten Personen zusammen kommen und sich erinnern …

Der Roman handelt aus Sicht von Sean – ein alter Freund von Tom, der sich aber ganz anders als dieser aus ärmlichen Verhältnissen hochgearbeitet hat und zwar dessen Liebe und Faszination zur Arktis teilt, aber als ehrgeiziger Geschäftsmann auch nie die wirtschaftlichen Interessen aus den Augen verliert. Gut die erste Hälfte des Buches dreht sich hauptsächlich um Seans Erinnerungen an die Zeit, als er sich darum bemühte ein international hoch begehrtes Stück Land in der Arktis zu ergattern, das eine norwegische Familie mit Walfänger-Tradition zum Kauf anbot. Nur mit Hilfe von Toms berühmtem Image als Umweltschützer gelingt es ihm und den anderen Kapitalgebern und Geschäftspartnern, den Fjord mit dem Gletscher zu erwerben, der Tom kurz darauf zum Verhängnis wird.

Diese erste Hälfte des Romans wird schleppend langsam erzählt. Die Zeitsprünge zwischen Seans Gegenwart, in der er von Toms Leichenfund erfährt und nach langer Zeit wieder zum Fjord zurückkehrt, sowie seinen Erinnerungen an die Geschehnisse vor vier Jahren, die auch seine gescheiterte Ehe und unglückliche Beziehung zu seiner Tochter beinhalten, sind manchmal nicht klar auseinander zu halten. Es passiert außerdem wenig spannendes – wir erfahren eher politische und wirtschaftliche Hintergründe um den Kauf des arktischen Stück Landes, der sich eher zäh und (zumindest für mich) nur schwer verständlich liest. Sean wird außerdem nicht gerade sympathisch gezeichnet: ein alternder Playboy, der nach Wohlstand und Anerkennung giert.

Erst ab der zweiten Hälfte wird die Handlung fesselnd: während der Gerichtstermine werden nach und nach die einzelnen Begebenheiten rund um Toms Tod aufgedeckt und Sean ist gezwungen, längst verdrängte Erinnerungen auszugraben. Abgesehen von Seans kurzem Ausflug zum Fjord in der ersten Hälfte des Buches, wird erst hier die Arktis etwas spürbarer. Die Autorin hat vielleicht auch deswegen zwischen die kurzen Kapitel Einschübe von historischen Expeditions-Berichten verschiedener Quellen vorgesehen, die zwar interessant sind, aber wenig Zusammenhang zur eigentlichen Handlung erkennen lassen.

Das Thema Erderwärmung zieht sich in der Beschreibung der klimatischen Veränderungen zu unserer jetzigen Gegenwart eher unterschwellig durch, bekommt zum Ende hin aber mehr Bedeutung. Falls man sich als Leser bis dahin durchkämpfen mag. Seans wohlgemeintes Motiv, Umweltschutz mit Wirtschaft zu vereinen, war für mich während der gesamten Lektüre unverständlich erklärt und arg naiv, worüber er sich zum dramatischen Ende hin selbst auch bewusst wird. Laline Paull schafft es mit ihrem Buch „Das Eis“ leider nicht, mich irgendeinem der darin verwursteten Themen (sei es Klimaerwärmung, Waffenhandel oder Korruption) emotional zu nähern, was nicht nur an den schwarz-weiß gezeichneten Charakteren liegt.

Originaltitel: The Ice
Laline Paull
Hardcover, 448 Seiten
Tropen Verlag, 2018

„Die Bienen“ von Laline Paull

Eine Empfehlung möchte ich dagegen für ein älteres Buch von Laline Paull aussprechen. In „Die Bienen“ lernen wir das gesamte System eines Bienenschwarms aus der Sicht der Biene Flora 717 kennen. Aufgrund einer Mutation, die sie für die anderen Bienen zwar hässlich erscheinen lässt, sie aber besonders stark und anpassungsfähig macht, ist sie in der Lage, sich selbst aus der Position einer einfachen Säuberungsbiene hoch zu arbeiten. Auf diese Weise erfahren wir die verschiedenen „Abteilungen“ und Rollen in einem Bienenschwarm quasi aus erster Hand: die Aufzucht der Larven gemäß ihrer Bestimmung, das Dienen unter der Königin und deren Bedeutung für den Schwarm, die impertinenten Drohnen, die mutigen Kundschafterinnen und Sammlerinnen …

Vom Frühling über den Sommer, Herbst und Winter begleiten wir Flora 717 durch das Jahr. Das unbeständige Wetter und heimtückisches Gift auf den so notwendig benötigten Blüten bringen den Schwarm mehr als einmal in große Gefahr – Phänomene, die aus Sicht der Bienen rätselhaft und unverständlich sind, dem Leser aber klar machen, welche dramatischen Auswirkungen die Pestizidbelastung und der Klimawandel auf das Überleben der Bienen haben, von denen letzten Endes auch wir abhängen.

Flora 717  entwickelt sich im Verlauf der Handlung immer weiter und schafft mit Mut und Intelligenz den Spagat zwischen gehorsamer Schwarmbiene und ihren ganz eigenen Wünschen. Das Buch startet zwar langsam – ich brauchte mein Zeit, um mit Flora 717 warm zu werden – aber steigert sich zu einer spannenden und interessanten Geschichte, die mit rätselhaften und auch actionlastigen Vorkommnissen einem Krimi gleicht. Etwas skeptisch war ich anfangs gegenüber der Vermenschlichung der Bienen und der unrealistischen Wandlung der Hauptprotagonistin, sowie der esoterisch-religiösen Beschreibung der Kultur des Bienenschwarms – aber sobald ich mich darauf eingelassen hatte, war die Lektüre ein Genuss, der mich verzaubert und geöffnet hat für die Welt der Bienen.

Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn ich während oder nach der Lektüre eines Buches anfange, mir Hintergrundwissen bei Wikipedia & Co. zu suchen. Kurz darauf sah ich noch die Dokumentation „More than Honey“, die Lebensumstände und das weltweite Sterben der Bienen mithilfe von Minikameras eindrucksvoll sichtbar macht. Während die Dokumentation Schönheit und Schrecken der Realität in Bildern zeigt, schafft es Laline Paull mit Worten und den Stilmitteln des Romans, die Faszination für Bienen zu wecken.

Originaltitel: The Bees
Laline Paull
Broschiert, 352 Seiten
Droemer Taschenbuch Verlag, 2016

 

 

Jetzt würde mich interessieren: kennt ihr das ein oder andere vorgestellte Buch und habt ihr weitere Literatur-Empfehlungen in der Kategorie „Öko-Roman“? Und hat die Lektüre solcher Bücher Auswirkungen auf euer Verhalten? Für mich steht fest, dass ich nur noch Bio-Honig und möglichst regional erzeugten Honig kaufen werde. Und ich bin froh, dass ich als Vegetarierin ohnehin nicht Teil habe an der Überfischung der Meere.

* Diese Bücher wurden mir als kostenlose Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt.

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