Artikel
0 Kommentare

Not that kind of Frauenliteratur

Ich habe mich in Buchläden schon immer gefragt, was „Frauenliteratur“ bitteschön sein soll, zumal es weit und breit kein Regal mit der Überschrift „Männerliteratur“ zu finden gibt. Ist demnach Männerliteratur die Norm und die weibliche Perspektive irgendwie … abnorm? Wenn ich mir die rosa-blumigen Stapel an Romanzen und seichter Unterhaltung unter diesem Label ansehe, fühle ich mich als Frau hier tatsächlich nicht repräsentiert oder angesprochen.

Ohne besondere Absicht haben sich in letzter Zeit jedoch mehrere Bücher auf meinen Lesestapel geschlichen, die sich mit einem mehr oder weniger feministischen Ansatz um das Leben als Frau drehen. Wenn es so etwas wie „Frauenliteratur“ gibt, dann das! Für all jene, die sich für ganz ungeschminkte, ehrliche und schonungslos weibliche Lebenserfahrungen interessieren, folgen nun meine fünf Lesetipps der Kategorie „Not that kind of Frauenliteratur“!

„Rubinroter Dschungel“ von Rita Mae Brown*

Beginnen wir mit einem Klassiker der feministischen Literatur aus den 70er Jahren, der mir womöglich nie untergekommen wäre, wenn der Ullstein Verlag nicht im Juli diesen Jahres eine Neuauflage veröffentlich hätte. Und selbst dann ist mir lediglich der Name der Autorin ins Auge gestochen, denn das Cover mit dem jungen Häkelmützen-Mädchen wirkt so nichts sagend wie das Cover eines Freche-Frauen-Romans. Die Autorin jedoch kenne ich – allerdings von kurzweiligen Katzen-Krimis, die ich vor vielen Jahren noch als fleißige Bibliotheksgängerin nach und nach verschlang und in denen mir nie irgendein feministischer Anklang aufgefallen ist. Wie ich jetzt erfahren habe, ist Rita Mae Brown sogar in erster Linie mit ihrem 1973 erschienenen feministischen Roman „Rubinroter Dschungel“ berühmt geworden und war schon vorher als Aktivistin in der amerikanischen Frauenbewegung bekannt, in der sie sich besonders für die Rechte von Lesben einsetzte.

Die Handlung von „Rubinroter Dschungel“ ist wahrscheinlich zu großen Teilen autobiografisch, denn ähnlich wie ihre Hauptprotagonistin Molly Bolt wuchs Rita Mae Brown in den 50ern als Adoptivkind in Pennsylvania und Florida auf, studierte in New York Film und wurde mit der Diskriminierung als Frau und als Lesbierin konfrontiert. Molly Bolt ist ein gnadenlos offenes, direktes und selbstbewusstes Mädchen, das damit nicht nur aus dem Kontext ihrer Zeit der 50er bis 70er Jahre hervorsticht, sondern auch für heutige Verhältnisse auf bewundernswert geradlinige Weise ihre Ziele verfolgt und ihren Wünschen und Bedürfnissen nachgeht. Schon als vorpubertäres „Gör“ nimmt sie sich vor, Präsidentin, Ärztin oder sonst „etwas Großes“ zu werden und lässt das Argument nicht zählen, dass sie als Mädchen höchstens Krankenschwester werden kann. Sie merkt schon früh, dass sie sich eher zu Mädchen als Jungen hingezogen fühlt, und experimentiert ganz ungeniert mit ihrer Sexualität. Während sie sich weder von Armut noch Diskriminierung von ihrem Weg abbringen lässt, wirkt die sexistische und rassistische Gesellschaft ihrer Zeit so piefig und rückständig, dass es schon lächerlich ist (und so viel weiter sind wir jetzt auch nicht). Mit erstaunlich viel Humor und Leichtigkeit beschreibt Rita Mae Brown diesen alles andere als leichten Lebensweg der Molly Bolt und erschafft damit ein Vorbild einer starken, mutigen Frau, die sich von keinen gesellschaftlichen Konventionen erniedrigen lässt.

„Rubinroter Dschungel“ von Rita Mae Brown, Neuauflage von 2018 erschienen im Ullstein Verlag. Originaltitel „Rubyfruit Jungle“, 1973.

„Das weibliche Prinzip“ von Meg Wolitzer*

Auch in dem Roman „Das weibliche Prinzip“ von Meg Wollitzer streifen wir die Geschichte des amerikanischen Feminismus, allerdings aus heutiger Perspektive betrachtet und wesentlich ruhiger, weniger konfrontativ. Mehrere Hauptpersonen werden episodenhaft auf ihrem Lebensweg zwischen 2010 (und mit Rückblenden in die Zeit davor) und der nahen Zukunft begleitet, so dass wir an ihren persönlichen Entwicklungen Anteil nehmen.

Die schüchterne Studentin Greer ist voller Bewunderung für die kämpferische Frauenrechtlerin Faith und eifert ihr in ihrem Wunsch, etwas bedeutungsvolles mit ihrem Leben anzufangen, nach. Auch ihre lesbische Kommilitonin Zee möchte etwas sinnvolles tun, ist jedoch gezwungen einen anderen Weg einzuschlagen. Mit Greers Freund Cory, dem scheinbar alle Wege zu einem erfolgreichen Karriereleben offen stehen und der sich nach einem Schicksalsschlag plötzlich neu orientieren muss, wird die Handlung um eine männliche Perspektive erweitert. Obwohl mit Greer, Zee und vor allem Faith viele feministische Sichtweisen zur Rede kommen, empfand ich den Roman nicht als besonders feministisch. Das liegt aber nicht nur an Corys Geschichte – alle Charaktere werden mit grundlegenden menschlichen Themen und Problemen konfrontiert, vor allem aber nach der Sinnhaftigkeit ihres Tuns und Daseins. Auch wenn ich die vielschichtigen Entwicklungen der Personen gerne mit verfolgte, die Gedankenanstöße rund um Freundschaft, Verrat und Vergebung, Idealismus und Machthunger, gerne annahm, fehlte mir jedoch hin und wieder der rote Faden und klare Botschaften.

„Das weibliche Prinzip“ von Meg Wollitzer, 2018 erschienen im DuMont Buch Verlag. Originaltitel „The Female Persuasion“, 2018.

„Die Schönheit der Nacht“ von Nina George*

In „Die Schönheit der Nacht“ treffen zwei unterschiedliche Frauen aufeinander, für die der gemeinsame Sommer an der bretonischen Küste zum Befreiungsmoment wird. Da ist die Professorin Claire: Expertin für Verhaltensbiologie, Mutter des gerade flügge werdenden Sohnes Nicolas und Ehefrau des sich immer wieder in kreativer Berg- und Talfahrt befindlichen Filmkomponisten Gilles – die rational Denkende, immer Verantwortungsbewusste, die Geldverdienerin, die Ausgleichende, der Fels in der Brandung. Nur bei gelegentlichen Seitensprüngen gesteht sie sich zu, einfach Frau zu sein, leidenschaftlich und frei, wenn auch nur für einen Moment. Und dann ist da die junge Julie: die noch nicht so recht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, aber vor Leidenschaft brennt, die heimlich singt und außerdem Nicolas liebt. Claire und Julie – die Gewordene und die Werdende – verbringen zusammen mit Nico und Gilles einen Sommer in einem alten Haus in der Bretagne. Die raue Schönheit des Meeres ist dabei nicht nur eine Kulisse für die äußerlich betrachtet eher unspektakuläre und sehr ruhige Handlung der Geschichte, sondern Symbol für die inneren Kräfte, die in beiden Frauen brodeln. Die erfahrene und selbstbeherrschte Claire liebt es, sich dem Meer hinzugeben, weit hinaus zu schwimmen, sich vom Wasser tragen zu lassen und es aus eigener Kraft zu bezwingen. Sie hilft Julie dabei, nicht nur ihre Angst vor dem Meer zu zähmen, sondern dabei auch sich selbst zu ergründen. Julie wiederum weckt in Claire die Erinnerung an eine vor langer Zeit verlorene Version ihrer selbst, die alles wollte, aber lernte – wie so viele Frauen – sich nach und nach zusammen zu falten und den Wünschen und Erwartungen der Männer um sich herum Raum zu geben.

Die Sprache von Nina George ist wunderschön, gleichzeitig schonungslos ehrlich. Ungeniert legt sie die Gefühle und Gedanken der beiden Frauen offen – Gefühle und Gedanken, die sicherlich viele Frauen heimlich hegen oder unbewusst spüren und die in gewissen Teilen noch ein gesellschaftliches Tabu sind, z.B. das Hadern als Mutter mit der Rolle der sich aufopfernden Frau, die ihre eigenen Wünsche und Pläne für viele Jahre hinten an stellt oder gänzlich aufgibt. Aber auch der Zwiespalt zwischen dem Verlangen nach hemmungsloser Liebe und absoluter emotionaler Freiheit. Ein emanzipierter Frauenroman, absolut lesenswert – gerade deshalb: nicht nur für Frauen!

„Die Schönheit der Nacht“ von Nina George, 2018 erschienen im Droemer Knaur Verlag.

„Not that kind of girl“ von Lena Dunham

Ganz schön unverfroren, mit 28 Jahren schon eine Autobiografie zu veröffentlichen! Andererseits – warum nicht, wenn man was zu erzählen hat? Lena Dunham gibt mit ihren fragmentarischen Memoiren zu Liebe & Sex, Körpergefühl, Freundschaft, Arbeit und „das große Ganze“ (so strukturiert sie ihr Buch) einen interessanten und humorvollen Einblick in ihre Lebenswelt. Dass sie als Ikone der Millennials gefeiert wird, hat sicherlich auch damit zu tun, dass viele junge Frauen unserer Gegenwart ähnliche Erfahrungen machen. Lena Dunham wird oft vorgeworfen, als privilegierte Weiße aus New Yorks Mittelklasse nicht wirklich repräsentativ für eine ganze Generation stehen zu können. Allerdings wirkt sie in ihrem Aussehen und mit ihrer ungenierten Offenlegung auch peinlichster Eigenschaften auf sämtlichen Kanälen (z.B. Instagram, ihre TV-Serie „Girls“, die auf ihren Erfahrungen basiert und in der sie eine Hauptrolle spielt, ihre Autobiografie) so „normal“, dass sie sich als Identifikationsfigur für ebensolche Frauen bestens eignet.

Mit ihrer knallhart realistischen Selbstdarstellung übt sie Kritik an der geschönten Medienwelt und mit ihren Anekdoten macht sie auf den nach wie vor (vielleicht mehr denn je) grassierenden männlichen Chauvinismus aufmerksam, dem viele Frauen mit ihren geschlechtstypischen Selbstzweifeln immer noch unterlegen sind. Damit vertritt sie eine Seite des modernen Feminismus, die gerade auf junge Frauen attraktiv wirkt – und beweist, dass man eben kein weißbärtiger alternder Mann sein muss um andere von seinen Lebensweisheiten profitieren lassen zu dürfen.

„Not that kind of girl. Was ich im Leben so gelernt habe“ von Lena Dunham, 2014 erschienen im Fischer Verlag. Originaltitel „Not That Kind of Girl: A Young Woman Tells You What She’s ‚Learned’“, 2014.

„Der große Trip zu dir selbst“ von Cheryl Strayed

Cheryl Strayed gibt mit ihren Lebensweisheiten ebenfalls Rat und Lebenshilfe, allerdings auf eine ganz andere Weise. Sie wurde mit ihrem autobiografischen Buch „Der große Trip“ bekannt, in dem sie von ihrer Wanderung über 1000 Meilen durch die amerikanische Wildnis erzählt – und wie sie damit in einer großen Lebenskrise mit Mitte Zwanzig wieder zu sich selbst fand. Ihre ebenso schonungslose wie sensible Selbstsicht und Erzählweise gefiel mir so gut, dass ich auch ihr Buch „Der große Trip zu dir selbst“ lesen wollte, der mit seinem Untertitel „Ungeschminkter Rat für die Liebe, das Leben und andere Katastrophen“ leider einiges an Banalitäten vermuten lässt. Das Buch versammelt eine Auswahl von Blog-Artikeln, die die Autorin eine zeitlang als Antwort auf Leserbriefe verfasste. Abgedruckt sind die mal mehr, mal weniger ausführlichen Bitten um Rat in kleinen und großen Lebenskrisen, sowie die immer sehr feinfühligen und ausführlichen Antworten von Cheryl Strayed, die sie mit Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben verknüpft.

Was sich nach einem Best-of des Dr.Sommer-Teams anhört, ist in Wirklichkeit eine wunderbare Sammlung an Weisheiten, die in ihrer Direktheit und Ehrlichkeit mitten ins Herz treffen, das jedoch ohne jeden Kitsch oder Pathos. Cheryl Strayed ist keine Psychologin, wie sie selbst betont, schlägt mit ihren unfassbar schönen und geistreichen Worten aber Saiten in der Seele an, die unweigerlich zum Lachen oder auch zum Weinen bringen können.

„Der große Trip zu dir selbst: Ungeschminkter Rat für die Liebe, das Leben und andere Katastrophen“ von Cheryl Strayed, 2016 erschienen im Kailash Verlag. Originaltitel „Tiny Beautiful Things: Advice on Love and Life from Dear Sugar“, 2012.

* Diese Bücher wurden mir als kostenlose Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt.

Schreibe eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.


CommentLuv badge